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Donnerstag, 25. April 2019, 09:24

Der kommende Fürst: Einleitung

Vorbemerkung

Die vorliegende «Übersetzung», die eigentlich nur eine Übertragung ist, kann nicht für sich in Anspruch nehmen, eine professionelle Übersetzung des Werks «The Coming Prince» von Sir Robert Anderson zu sein. Ich bin weder ein Übersetzer noch ein Dolmetscher, sondern bloss jemand, dessen Muttersprache Deutsch ist, der leidlich Englisch versteht und der es bedauert, dass in den letzten hundert Jahren nicht versucht worden ist, dieses lehrreiche und auch für die heutigen Zeiten bedeutsame Werk zu übersetzen. Diese Übertragung stellt nun einen solchen Versuch dar, das Werk von Sir Robert Anderson der deutschsprachigen Leserschaft zugänglich zu machen. Leider ist es mir nicht möglich gewesen, die Wortgewandtheit und die Ausdrucksstärke von Sir Anderson angemessen abzubilden, was ich als einen gewissen Verlust empfinde, den ich aber zugunsten der Verständlichkeit in Kauf nehmen musste.

Die Bibelzitate sind der Überarbeiteten Elberfelder Übersetzung entnommen. Ich habe mir erlaubt, diverse Fussnoten auszuklammern, von denen ich glaube, dass sie heute – rund hundert Jahre nach der Abfassung des Werks – nicht mehr von derselben Bedeutung wie damals sind; so konnte ich den Übersetzungsaufwand etwas verringern. Auch die Anhänge und die Vorworte zur fünften und zehnten Auflage habe ich vorerst nicht übersetzt.

Für Hinweise auf Fehler und Ungenauigkeiten bin ich äusserst dankbar. Am liebsten ist es mir, wenn man mir diese Hinweise per E-Mail zusendet: email@tobiasbolt.ch.

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Donnerstag, 25. April 2019, 09:25

Einleitung

Für die Menschen ist naturgemäss immer die Gegenwart, in der sie leben, die wichtigste Zeit. Dabei spielt es keine Rolle, wodurch sich die gegenwärtige Zeit auszeichnet; ihre besondere Bedeutung liegt im Umstand begründet, dass man sie gerade miterlebt. HeuteFussnote sehen wir uns aber mit einem Fortschritt konfrontiert, der in der gesamten Menschheitsgeschichte seinesgleichen sucht. «Unsere» Gegenwart zeichnet sich also durch eine Tatsache aus, die ihr über die aktuellen Tage hinaus eine besondere Bedeutung verleiht. Da sich das Rad der Zeit immer schneller zu drehen scheint, stellen wir uns die Frage, ob unsere Tage nicht ganz besonders bedeutsam sind – ja, ob es vielleicht sogar die letzten Tage dieser Erde sind. Endet demnächst die Weltgeschichte? Steht der Zusammenbruch aller Dinge unmittelbar bevor?

Natürlich wollen wir uns nicht von den allgegenwärtigen Warnrufen aus den unterschiedlichsten Lagern beeinflussen lassen. Wir wollen auch nicht blind an die Weissagungen der Weltuntergangsverkündiger glauben. Allerdings wird nur ein ungläubiger Mensch bezweifeln, dass es ein vorbestimmtes Ende für den Lauf dieser «gegenwärtigen bösen Welt» geben muss. Eigentlich versteht es sich von selbst, dass Gott eines Tages Seine Macht zeigen und das Gute triumphieren lassen wird. Folglich ist es die Pflicht eines jeden vernünftig denkenden Menschen, sich ernsthaft mit den oben gestellten Fragen auseinander zu setzen. Dabei kann es nicht darum gehen, ob Gott dem Lauf dieser Welt irgendwann ein Ende setzt. Die grosse Frage lautet vielmehr, wann Er das tun wird beziehungsweise weshalb Er zögert, es zu tun. Betrachtet man all das Leid und Unglück, das sich tagtäglich auf dieser Erde ereignet, könnte man versucht sein, Gott bloss als einen unbeteiligten Zuschauer beim ungleichen Kampf zwischen Gut und Böse auf der Erde anzusehen. Schon im Buch Prediger heisst es: «Und ich wandte mich und sah alle Bedrückungen, die unter der Sonne geschehen: Und siehe, da waren Tränen der Bedrückten, und sie hatten keinen Tröster; und von der Hand ihrer Bedrücker ging Gewalttat aus, und sie hatten keinen Tröster.» (Pred 4, 1)

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Donnerstag, 25. April 2019, 09:26

Wie kann das sein, wenn Gott tatsächlich allmächtig und allgütig ist? Sünde, Gottlosigkeit, Gewalt und Unrecht steigern sich allerorts ins Unermessliche, aber die Himmel schweigen still. Der Ungläubige zieht diesen Umstand als einen Beweis dafür herbei, dass der Gott der Christen nichts als ein Mythos seiFussnote. Der Christ findet dagegen in diesem Umstand nur einen weiteren Beweis dafür, dass der Gott, den er anbetet, geduldig und langmütig ist. Er weiss, dass Gott es sich leisten kann, geduldig zu sein, weil Er ewig ist, und dass Er langmütig sein kann, weil Er allmächtig ist. Denn wahre Macht muss erst zuallerletzt auf Zorn zurückgreifen. Aber der Tag wird kommen, an dem «unser Gott kommt, und Er wird nicht schweigen» (Ps 50, 3). Das ist nicht einfach eine Meinung von vielen, sondern eine Frage des Glaubens. Wer diese Tatsache anzweifelt, hat kein Recht, sich Christ zu nennen, denn diese Tatsache ist genauso eine elementare Wahrheit des christlichen Glaubens wie das Leben und Sterben des Sohnes Gottes. Das Alte Testament steckt voller Bezüge auf diese Wahrheit und von allen Schreibern des Neuen Testamentes gibt es nur einen, der sich nicht ausdrücklich dazu geäussert hat. Schon die erste prophetische Aussage, die in der Heiligen Schrift aufgezeichnet ist, hat auf diese Wahrheit Bezug genommen (Jud 1, 14); das letzte Buch des Heiligen Kanons bestätigt und bekräftigt dieses Zeugnis vom ersten bis zum letzten Kapitel.

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Donnerstag, 25. April 2019, 09:27

Vor diesem Hintergrund ist nur noch zu untersuchen, auf welche Art dies geschehen und zu welcher Zeit sich all das erfüllen wird. Den Schlüssel zur Antwort auf diese Fragen finden wir in der Vision des Propheten Daniel betreffend die siebzig Jahrwochen. Allerdings wird es uns das rechte Verständnis dieser Weissagung nicht erlauben, den Zeitpunkt des Endes vorherzusagen, denn dafür wurde uns die Weissagung nicht gegebenFussnote. Aber das rechte Verständnis wird uns zuverlässig vor Fehlern beim Studium der biblischen Prophetie bewahren. Namentlich wird es uns vor jenen Dummheiten schützen, die unweigerlich aus einem falschen System einer chronologischen Ordnung der Prophezeiungen resultieren müssen. Leider gibt es viele Beispiele für solche Dummheiten. Das Ende der Welt ist schliesslich nicht erst in unserer Zeit vorausgesagt worden. Bereits zum Beginn des sechsten Jahrhunderts hat man es mit grosser Gewissheit erwartet. Ganz Europa stand in den Tagen des Papstes Gregor im Bann der Erwartung eines baldigen Weltuntergangs. Am Ende des zehnten Jahrhunderts artete diese Erwartung sogar in eine generelle Panik aus. Berichten zufolge lauschten damals ganze Menschenmassen atemlos den Predigten über den anstehenden Weltuntergang; alle Gespräche und jedermanns Gedanken kreisten um dieses Thema. Unter dem Eindruck des nahenden Endes vermachten damals unzählige Menschen ihr Eigentum den Klöstern und Kirchen. Dann zogen sie nach Palästina, wo sie die Ankunft Christi zum Gericht erwarteten. Andere verpflichteten sich mit feierlichen Schwüren dazu, Leibeigene der Kirchen und Priester zu werden, wobei sie hofften, dass sie als Diener von Dienern Christi ein milderes Urteil erwarten dürften. Bei Sonnen- und Mondfinsternissen flüchteten sich die Menschen massenweise in Höhlen und FelsenklüfteFussnote.

Auch in den letzten Jahren ist ein Datum nach dem andern im Brustton der Überzeugung als der Zeitpunkt für den Weltuntergang genannt worden. Aber die Erde dreht sich weiterhin um die Sonne. Das Jahr 581 war das erste Jahr, in dem der Weltuntergang erwartet wurdeFussnote, das Jahr 1881 gehört zu den letzten. Das vorliegende Werk ist nicht verfasst worden, um solch einfältigen Vorhersagen weiteren Zündstoff zu liefern. Vielmehr soll es einen bescheidenen Beitrag zur Erhellung bezüglich der Bedeutung der biblischen Prophetie leisten und uns damit auch davor bewahren, Fehler wie die soeben erwähnten zu begehen.

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Donnerstag, 25. April 2019, 09:27

An sich müsste kein weiteres Wort zur Wichtigkeit der biblischen Prophetie verloren werden. Aber leider haben sogar jene, die bekennen, dass sie an die Inspiration der gesamten Schrift glauben, das Studium der biblischen Prophetie dermassen sträflich vernachlässigt, dass es zum Sprichwort geworden ist. Aber wenn schon die Kenntnis der Vergangenheit einen wichtigen Beitrag dazu leistet, das Verständnis zu steigern und den Verstand aus der Beschränkung auf eine allzu enge und uninspirierte Beschäftigung mit der Gegenwart zu lösen, wie viel wichtiger muss dann die Kenntnis der Zukunft sein! Wenn es Gott gefallen hat, den Menschen eine entsprechende Offenbarung zu geben, dann muss man diese doch mit dem grösstem Interesse studieren und jedes Talent einsetzen, das dazu nützlich sein kann!

Damit ist bereits angesprochen, aus welchem weiteren Grund das Studium der biblischen Prophetie noch eine besondere Bedeutung hat: Die biblische Prophetie macht in einer ganz besonderen Weise deutlich, dass die Heilige Schrift – nicht nur in ihren prophetischen Teilen, sondern insgesamt – göttlichen Ursprungs und Charakters ist. Gerade in der heutigen Zeit wird diese Tatsache allerdings besonders deutlich geleugnet. Das Lager des Unglaubens hat sich zwar früher schon offenkundig unter einem eigenen Banner gezeigt, aber trotz der Ignoranz gegenüber der geistlichen Kraft des Glaubens hat man sich wenigstens noch (mit einer stumpfen Beharrlichkeit) an die religiösen Dogmen geklammert. In der heutigen Zeit herrscht dagegen eine beängstigende und alarmierende Skepsis gegenüber jeder Form von Religiosität vor. Wir leben in einer Christenheit, die die Existenz einer göttlichen Offenbarung offen leugnet – mitten unter einer Masse von christlichen Bekennern, «die eine Form der Gottseligkeit haben, deren Kraft aber verleugnen» (2. Tim 3, 5). Während wir für aufrichtige Zweifler eine gewisse Sympathie und durchaus auch Respekt aufbringen sollten, weil der Glaube nun einmal nicht der natürlichen Haltung entspricht, die der menschliche Verstand bezüglich der göttlichen Dinge einnimmt, müssen wir uns ernsthaft fragen, welches Urteil über jene gesprochen werden soll, die sich mit ihrer Haltung des Zweifels brüsten, während sie gleichzeitig vorgeben, sie seien die Diener

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Donnerstag, 25. April 2019, 09:28

einer Religion, deren grundlegendstes Charaktermerkmal der Glaube ist.

Heute tobt ein Kampf gegen ein falsches Priestertum und gegen den Aberglauben. Aber auf der Gegenseite steht nicht der christliche Glaube, sondern das freie Denken. Viele sind nicht darauf vorbereitet, eine klare Entscheidung in diesem Kampf zwischen dem freien Denken und der Knechtschaft von Glaubenssätzen und Kirchenfunktionären zu treffen. Stellt man den Leuten aber die Wahl zwischen Glauben und Skepsis, fällt es ihnen leichter, eine Entscheidung zu treffen. Die Seite des Glaubens mag zwar engstirniger wirken, aber wenigstens ist sie aufrichtig. Zudem überzeugt sie in moralischer Hinsicht und das ist mindestens ebenso wichtig wie die Förderung der Verstandeskraft und der Unabhängigkeit. Man müsste aber ohnehin einmal genauer untersuchen, wie es denn bei den Skeptikern tatsächlich um die Unabhängigkeit bestellt ist. Viele von ihnen gehören nämlich formal immer noch der britischen Landeskirche an. Ein Mann, der auf seiner Freiheit beharrt, zu denken und zu lehren, was er selbst für die Wahrheit hält, wo und wie auch immer er diese empfangen haben mag, verdient einen gewissen Respekt. Man darf ihm nicht ohne Weiteres Eigenwillen oder Eitelkeit vorwerfen, denn seine Absichten könnten nämlich durchaus lauter sein. Wenn er aber einem Glaubensbekenntnis einer Kirche angeschlossen ist, hat er kein Recht, sich einer solchen Freiheit zu rühmen. Jene Männer, die sich als Freidenker brüsten, würden deshalb wohl mehr Respekt ernten, wenn sie ihre angebliche Unabhängigkeit durch eine Weigerung beweisen würden, ihre Unterschrift unter die Doktrinen der britischen Kirche zu setzen, statt diese bloss zu unterlaufen, obwohl sie sich formal verpflichtet haben, sie zu verteidigen und zu lehren. Das Glaubensbekenntnis unserer britischen Kirchen ist im Übrigen auch nicht grundsätzlich falsch.

Hier soll es aber um die nicht zu leugnende Tatsache gehen, dass der Rationalismus in seiner subtilsten Form unsere ganze Gesellschaft durchsäuert. Er bildet seine Jünger ausgerechnet in den Priesterseminaren an den Universitäten aus. Er nutzt die Kirchenkanzel als seine Plattform. Er hat einige der populärsten religiösen Führern zu seinen Aposteln berufen. Keine Gesellschaftsschicht ist vor seinem Einfluss sicher. Obwohl der gegenwärtige Zustand schon schlimm genug ist, haben wir einen Pfad betreten, der nur immer weiter herab führen kann. Jene, die nicht sehen, wo das alles hinführen wird, müssen wahrlich blind sein. Wenn wenigstens die Autorität der Heiligen Schrift unangetastet bleiben würde, dann würden zwar vielleicht lebenswichtige Wahrheiten bei einer Generation verloren gehen, aber bei der nächsten könnten sie wieder ausgegraben werden. Doch wenn die Autorität der Heiligen Schrift ins Wanken kommt, wird das Fundament aller Wahrheit untergraben, was zur Folge hat, dass keine Kraft für eine Wiederherstellung mehr übrig bleibt. Der christliche Skeptiker von heute wird bald dem christlichen Ungläubigen Platz machen, dessen Jünger und Nachfolger wiederum Ungläubige ohne jeden Anstrich von Christenheit sein werden. Sicherlich, einige werden dem entgehen, aber für die meisten wird dann wohl nur noch Rom als Zufluchtsort vor dem Ende übrig bleiben, auf das unsere Gesellschaft zusteuert. In diesem Sinne formieren sich also heute die Kräfte für den grossen vorhergesagten zukünftigen Kampf zwischen dem Abfall von einer falschen Religion und dem Abfall des offenen Unglaubens.

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Donnerstag, 25. April 2019, 09:29

Ist die Bibel eine Offenbarung von Gott? Das ist mittlerweile zur grössten und wichtigsten Frage geworden. Wir wollen uns dieser Frage nicht entziehen, indem wir behaupten, dass die Heiligen Schriften eine Offenbarung enthalten würden. Oder sollten denn die Heiligen Schriften etwa nichts anderes als ein Losbeutel sein, aus dem man zufällig Nieten oder Preise zieht, ohne das eine vom andern unterscheiden zu können, bis der Tag der Erfüllung anbricht, sodass die Erkenntnis letztlich zu spät kommt? In dieselbe unselige Richtung geht die Diskussion darüber, dass ganze Passagen oder sogar komplette Bücher irrtümlich in den biblischen Kanon aufgenommen worden seien. Wir weigern uns, die Heilige Schrift der «zarten Gnade» jener auszuliefern, die sich ihr mit der Ignoranz von Heiden und mit dem Geist von Abgefallenen nähern wollen! Mit Blick auf die aktuelle Kontroverse könnten wir uns zwar damit einverstanden erklären, alles aus der Bibel zu streichen, worauf die erleuchtete Kritik einen Schatten des Zweifels geworfen hat. Aber damit würden wir nur den Weg für die eigentliche Frage frei machen, was denn der Charakter und der Wert dessen sei, das zugegebenermassen authentisch ist. Mit diesen Gedanken haben wir schon längst die Diskussion um verschiedene Theorien der Inspiration verlassen. Was uns jetzt beschäftigt, ist die Frage, ob die Heiligen Schriften das sind, was sie für sich in Anspruch nehmen, nämlich «Aussprüche Gottes» (Röm 3, 2)Fussnote.

Können nun aufrichtige und gläubige Seelen inmitten des stetig zunehmenden Irrtums, der Verwirrung und der Unsicherheit die Bibel aufschlagen und dort «Worte ewigen Lebens» (Joh 6, 68) finden? Ein vernünftig denkender Mensch wird dieser Frage mit Skepsis begegnenFussnote. Und wenn sich die Vernunft vor den «Schibboleths» und Tricks der Priesterschaft – der «Stimme der Kirche», wie sie sich nennt – beugt, dann ist das kein Glaube, sondern nur eine blosse Leichtgläubigkeit. Aber wenn Gott spricht, dann muss der Unglaube dem Glauben Platz machen. Dafür braucht es aber natürlich einen Beweis dafür, dass die Stimme auch wirklich göttlichen Ursprungs ist, und dieser Beweis muss absolut und endgültig sein. Ist der Beweis geführt, kann der Unglaube nur noch als ein geistig oder moralisch degenerierter Zustand bezeichnet werden. Der Glaube ist dann nicht etwas, das die Vernunft übersteuert, sondern im Gegenteil der höchste Akt der Vernunft. Man könnte nun einwenden, dass ein solcher Beweis unmöglich geführt werden könne. Aber das wäre nichts anderes als die Behauptung, dass jener Gott, der uns geschaffen hat, nicht fähig sei, so zu uns zu sprechen, dass wir Seine Stimme als die Seine erkennen könnten. Eine solche Behauptung wäre kein Ausdruck von Skepsis, sondern eine Äusserung des Unglaubens eines Atheisten.

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Donnerstag, 25. April 2019, 09:30

In Bezug auf seine Bekehrung sagte Paulus, dass es Gott gefallen habe, «seinen Sohn in mir zu offenbaren» (Gal 1, 16). Die Grundlage seines Glaubens war also subjektiv; sie konnte nicht objektiviert werden. Als Beweis für andere konnte Paulus also nicht auf diese Grundlage, sondern nur auf seinen Lebenswandel verweisen, obwohl dieser keineswegs die Grundlage, sondern nur das Resultat seiner Überzeugung war. Sein Fall war durchaus nicht ungewöhnlich. Petrus war einer der bevorzugten Drei, die jedes Wunder – einschliesslich der Verklärung auf dem Berg – beobachtet hatten, aber sein Glaube war nicht das Resultat jener Wunder, sondern entsprang einer Offenbarung an ihn selbst. Als Antwort auf sein Bekenntnis: «Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes» (Mt 16, 16) erklärte der Herr: «Fleisch und Blut haben es dir nicht offenbart, sondern mein Vater, der in den Himmeln ist» (Mt 16, 17). Selbst das war keine besondere Gnade, die nur den Aposteln zuteil geworden wäre, denn später schrieb Petrus den Gläubigen im Allgemeinen: «Denen, die einen gleich kostbaren Glauben mit uns empfangen haben» (2. Petr 1, 1). Er beschrieb sie als «wiedergeboren durch das Wort Gottes». Auch Johannes sprach von solchen als «die nicht aus Geblüt noch aus dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind» (Joh 1, 13). «Nach seinem eigenen Willen hat er uns durch das Wort der Wahrheit gezeugt» (Jak 1, 18), bestätigte auch Jakobus.

Mit diesen Worten wird etwas Grösseres als eine Schlussfolgerung, die man ausgehend von ausreichenden Prämissen zieht, oder ein Akzeptieren von Tatsachen aufgrund einer ausreichenden Beweislage beschrieben. Man kann diese Geburt auch nicht bloss als einen geistigen oder moralischen Gesinnungswechsel bezeichnen, der eine ganz natürliche Folge einer Wahrheit wäre, die man mit den blossen Mitteln der natürlichen Wahrnehmungsfähigkeit entdeckt hätte. Die Bibel sagt vielmehr eindeutig, dass die Kraft des Zeugnisses, das einen solchen Gesinnungswechsel bewirken kann, direkt von der Gegenwart und dem Wirken Gottes abhängig ist. Wir könnten hier seitenlange Zitate einfügen, um das zu beweisen, aber wir beschränken uns hier auf zwei Stellen. Petrus bezeugte, dass er das Evangelium predigte «durch den vom Himmel gesandten Heiligen Geist» (1. Petr 1, 12). Die Worte von Paulus sind noch deutlicher: «Und meine Rede und meine Predigt war nicht in überredenden Worten der Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft» (1. Kor 2, 4)Fussnote.

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Donnerstag, 25. April 2019, 09:30

Auch wenn zwischenzeitlich 18 Jahrhunderte vergangen sind, kann für uns nichts anderes als für jene Leute gelten, die das Evangelium direkt von den Aposteln empfangen haben. Gott sorgt nach wie vor für Sein Volk. Er spricht immer noch zu den Herzen der Menschen, und das tut Er immer noch genauso real, wie Er es in früheren Zeiten getan hat, wenn auch nicht durch inspirierte Apostel und wohl kaum noch durch Träume und Visionen, sondern mehr durch die Heilige Schrift, die Er selbst inspiriert hatFussnote. Also sind auch heute noch Gläubige «geboren aus Gott» und so empfangen sie auch heute noch das Wissen um die Sündenvergebung und das ewige Leben. Das ist kein natürliches Phänomen, das die Folge einer Beweiswürdigung wäre; es ist durch und durch übernatürlich. «Vernünftige Menschen» können diesbezüglich eine «rationale Haltung» einnehmen und das Phänomen objektiv untersuchen, wenn sie wollen, aber sie sollen wenigstens zugeben, dass tausende von glaubwürdigen Personen die Realität der hier vorgestellten Erfahrung bezeugen können. Auch müssen sie einräumen, dass diese Ausführungen in völliger Übereinstimmung mit dem Neuen Testament stehen.

Wir haben also durch die Gläubigen selbst einen überirdischen Beweis von der Wahrheit des christlichen Glaubens. Der christliche Glaube beruht nicht auf Erlebnissen oder auf eigenen Erfahrungen, sondern auf den grossen, objektiven Wahrheiten der göttlichen Offenbarung. Die Überzeugung der Christen, dass es göttliche Wahrheiten seien, beruht nicht primär auf jenen «Beweisen», die die Skeptiker so gerne kritisieren, sondern auf etwas, wovon der Skeptizismus gar keine Notiz nehmen kannFussnote. Über die Bibel kann kein Buch geschrieben werden, das wie die Bibel selbst wäre. Die Verteidigungsschriften der Menschen sind Menschenworte; sie mögen helfen, Angriffe abzuwenden, aber sie können auch einen Teil der wahren Bedeutung der Bibel verschleiern. Die Bibel ist Gottes Wort und durch sie spricht Gott, der Heilige Geist, der sie eingegeben hat, zu Seelen, die sich ihr nicht verschliessenFussnote.

Darüber hinaus findet der gut unterwiesene Gläubige in der Bibel einen unerschöpflichen Vorrat an Beweisen für ihren göttlichen Ursprung. Die Bibel ist weit mehr als ein Lehrbuch der Theologie und der Moral und auch weit mehr als ein Wegweiser zum Himmel. Sie ist der Bericht einer fortschreitenden Offenbarung, die Gott der Menschheit anvertraut hat, und sie ist die göttliche Geschichtsschreibung über unser Geschlecht in Verbindung mit dieser Offenbarung. Ein Ignorant mag darin nicht mehr sehen als die religiöse Literatur des hebräischen Geschlechts und der Kirchen in der apostolischen Zeit, aber der intelligente Schüler, der zwischen den Zeilen lesen kann, wird darin – teilweise in klar erkennbaren Pinselstrichen, teilweise schwach, aber immer zugänglich für den geduldigen und hingebungsvollen Forscher – das grosse Schema von Gottes Ratschlüssen sowie Gottes Wirken in und für diese unsere Welt von Ewigkeit zu Ewigkeit finden.

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Donnerstag, 25. April 2019, 09:31

Wenn man wirklich verstanden hat, worum es beim Studium der Prophetie geht, hat man erkannt, dass es auch all diese Dinge umfasst. Der vornehmliche Wert dieses Studiums liegt nicht darin, uns ein Wissen über die «kommenden Dinge» (verstanden als isolierte Ereignisse) zu verschaffen, so wichtig dies auch sein mag. Vielmehr soll es uns ermöglichen, die Zukunft mit der Vergangenheit zu verknüpfen und so Gottes Vorsatz und Plan zu erkennen, wie er in der Heiligen Schrift offenbart worden ist. Die Umstände des Lebens und Sterbens Christi waren ein überwältigender Beweis für die Inspiration des Alten Testamentes. Als Er nach Seiner Auferstehung den Glauben Seiner Jünger stärken wollte, tat Er folgendes: «Und von Mose und von allen Propheten anfangend, erklärte er ihnen in allen Schriften das, was ihn selbst betraf» (Lk 24, 27). Doch schien es nicht so, als ob manches Versprechen und manche Prophezeiung mit dem Abfall von Juda und mit der Auslöschung von Israel als Nation für immer im Abgrund verschollen gegangen wäre? Der Messias hätte doch diese Versprechen und Prophezeiungen erfüllen müssen, aber Er war verworfen worden und Sein Volk stand nun im Begriff, verstossen zu werden. Es schien, als würden die Völker nun den Segen erben, der Israel verheissen worden war. Doch sollten wir wirklich annehmen, dass die Pläne der Vergangenheit für immer ausgelöscht seien und dass Gottes grosse Vorsätze für diese Erde durch die Sünde der Menschen ungültig gemacht worden seien?

Während heute Menschen über die göttliche Offenbarung zu Gericht sitzen, sinkt der christliche Glaube dazu hinab, nichts mehr zu sein als ein «Erlösungsplan» für einzelne Individuen. Die Christen sind zufrieden, wenn man ihnen das Evangelium nach Johannes und einige neutestamentliche Briefe belässt. Wie anders ist doch die Geistes- und Herzenshaltung gewesen, die Paulus gezeigt hat! In seinen Augen hat die Katastrophe, die den Untergang von allem zu sein schien, bloss offenbart, was die Propheten über Gottes Vorsätze für diese Welt vorhergesagt hatten – einen weiteren und noch viel herrlicheren Vorsatz, der die Erfüllung aller alttestamentlichen Prophezeiungen beinhalten sollte. Entzückt von dieser Einsicht rief er aus: «O Tiefe des Reichtums, sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes! Wie unerforschlich sind seine Gerichte und unergründlich seine Wege!» (Röm 11, 33).

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Donnerstag, 25. April 2019, 09:32

Wahres Studium der prophetischen Schriften ist ein Erforschen dieser unergründlichen Ratschlüsse, dieser tiefen Reichtümer göttlicher Weisheit und göttlichen Wissens. Unter dem Licht, das es auf die Schriften wirft, erkennt man in der Bibel nicht mehr länger eine heterogene Mischung von religiösen Büchern, sondern ein harmonisches Ganzes, von dem kein einziger Teil entfernt werden könnte, ohne dass die Vollkommenheit der göttlichen Offenbarung zerstört würde. Trotzdem wird dieses Studium in den Kirchen als für den Alltag bedeutungslos abgetan. Dabei hat gerade die Vernachlässigung des Studiums der prophetischen Schriften weit mehr Schaden angerichtet, als es der deutsche Rationalismus je könnte. Skeptiker mögen damit angeben, dass sie gelehrte Professoren und Doktoren der Theologie in ihren Reihen haben, aber wir fordern sie heraus, auch nur einen zu nennen, der beweisen kann, dass er irgendwas von den tieferen Geheimnissen der göttlichen Offenbarung weiss. Der Versuch, die steigende Flut des Skeptizismus zu dämmen, ist hoffnungslos. Denn tatsächlich ist diese Bewegung nur eine von vielen Erscheinungen jener intensiven rationalen Aktivität, die unser Zeitalter charakterisiert. Die Herrschaft der Glaubensbekenntnisse ist Vergangenheit. Die Zeiten, in denen die Menschen glaubten, was schon ihre Väter geglaubt hatten, sind ohne jeden Zweifel vergangen. Allerdings übt gerade heute Rom einen seltsamen Charme auf die Angehörigen einer bestimmten Gesellschaftsschicht aus, während auf der anderen Seite der Rationalismus ebenfalls nicht wenige fasziniert. Jedenfalls aber ist die Orthodoxie im althergebrachten Sinne tot, und wenn viele errettet werden sollen, dann kann dies nur durch ein tieferes und gründlicheres Wissen der Heiligen Schrift geschehen.

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Donnerstag, 25. April 2019, 09:33

Dieses Buch ist ein bescheidener Beitrag zur Erreichung dieses Ziels. Wenn es nur irgendwie dazu beitragen kann, das Studium der Bibel beliebter zu machen, hat es seinen Hauptzweck erfüllt. Der Leser darf deshalb erwarten, dass die Präzision der Bibel in Punkten betont wird, die von vernachlässigbarer Bedeutung zu sein scheinen. Aber gerade die scheinbar geringen Dinge sind oft wichtiger, als man meinen würde. Als David den Thron Israels bestieg und seine Generäle wählte, gab er die Hauptverantwortung jenen, die durch Heldentaten oder durch Heldenmut aufgefallen waren. Unter den obersten Drei befand sich einer, von dem es heisst, dass er ein Linsenfeld verteidigt und eine Truppe von Philistern vertrieben hatte (2. Sam 23, 11. 12). Für andere mochte jenes Linsenfeld nicht mehr als ein Stück Land mit Unkraut gewesen sein, für das zu kämpfen es sich nicht lohnte, aber für diesen Israeliten war es kostbar, weil es ein Teil des göttlichen Erbes war und weil der Feind es hätte nutzen können, um von dort aus Festungen zu erobern. So ist es auch mit der Bibel: Wenn ihr wahrer Wert darin liegt, dass sie von Gott kommt, dann kann selbst eine unbedeutend erscheinende Aussage sich als genau jenes Bindeglied entpuppen, das für die Kette der Wahrheit benötigt wird, an der unser ewiges Leben hängt.

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